„Uns verbindet echte Nähe – weltweit“

08.10.2026

„Uns verbindet echte Nähe – weltweit“

Schmierstoffe im Fahrzeuginnenraum – das heißt High-Tech im Verborgenen. Denn von den Schmierpunkten bekommen Fahrzeuginsassen bestenfalls nichts mit. Und doch sind alle Punkte hochanspruchsvoll, wissen Dr. Matthias Ostertag von FUCHS und Sreenivas Paruchuri vom Sitzhersteller GRAMMER. Beide sprechen über unbeliebte Geräusche, komplizierte Materialien – und warum die Partnerschaft beider Unternehmen mehr ist als ein Liefervertrag.

Herr Ostertag, welches Geräusch im Auto treibt Sie persönlich in den Wahnsinn?

Dr. Matthias Ostertag ist Head of Global Business Segment Automotive Components bei FUCHS.

Ostertag: Ein unerwartetes Knarzen oder Knirschen, das man nicht zuordnen kann, stört mich am meisten. Gerade in einem hochwertigen Fahrzeug erwartet man Ruhe im Innenraum. Besonders brisant wird das Thema durch die Elektromobilität. 

Können Sie das erklären?

Ostertag: Wenn das Motorengeräusch des Verbrenners wegfällt, hört man plötzlich alles, was vorher übertönt wurde. Die Unternehmen, die das zuerst lösen, werden einen klaren Wettbewerbsvorteil haben. 

Wo genau stecken Schmierstoffe im Fahrzeuginnenraum – und was müssen sie leisten?

Ostertag: Das sind sehr viele Stellen. Grob gesagt: Es gibt überall Schmierpunkte an Komponenten, die im Innenraum verbaut sind oder, wie Bremssysteme, dort hineinführen. Ein anderes gutes Beispiel ist der Sitz: Er kann bis zu 35 individuelle Schmierpunkte haben. Wir entwickeln spezifische Schmierstoffe, die etwa nur in der Nackenstütze oder in den Schienenmechanismen eingesetzt werden. Das gilt für alles, was sich bewegt und vier Räder hat: LKW, Busse, Baumaschinen, Landmaschinen...

Sreenivas Paruchuri verantwortet Materials, Sustainability and Technology Management bei der GRAMMER AG.

Paruchuri: Aus GRAMMER-Sicht verbergen sich die entscheidenden Stichwörter hinter den englischen Abkürzungen NVH und BSR. Auf Deutsch versteht man unter NVH die Begriffe Geräusche, Vibration und Rauigkeit. BSR steht für Brummen, Quietschen und Klappern. Ebenso wichtig für uns sind Geruch, Komfort und Sicherheit. Zunehmend rücken sogenannte wertige Geräusche in den Fokus: Im leisen Elektrofahrzeug hört man auch bewusst eingesetzte Sounds, die Hochwertigkeit signalisieren sollen. Welche Rolle Schmierstoffe dabei spielen können, ist ein sehr spannendes, neues Thema.

Welche Anforderungen sind in den vergangenen zehn Jahren dazu gekommen?

Paruchuri: Die Systeme sind deutlich komplexer geworden. Früher hatten wir differenziale Bauweisen mit vielen Einzelteilen. Heute arbeiten wir mit integralen Bauweisen – ein Subsystem aus zehn Einzelteilen wird zu einem einzigen Bauteil. Zusätzlich steigt die Materialvielfalt enorm: Wir sprechen von Multimaterialität, also dem gleichzeitigen Einsatz vieler unterschiedlicher Werkstoffe. Nehmen Sie eine Kopfstütze: Fünf bis sieben verschiedene Materialien stehen gleichzeitig miteinander in Berührung. Bestimmte amorphe Kunststoffe vertragen Fette schlecht – das ist eine echte Herausforderung. Solche Wechselwirkungen können wir mit heutigen Simulationswerkzeugen noch nicht vollständig vorhersagen. Wir stoßen auf diese Probleme oft erst spät – manchmal kurz vor der Serienreife.

Schmierstoffe sind keine Hilfsmittel, sondern echte Bauteile in der Entwicklungsphase.

Dr. Matthias Ostertag, Head of Global Business Segment Automotive Components

Welche Einsatzbereiche im Innenraum sind besonders kritisch?

Ostertag: Die sicherheitsrelevanten Bauteile stehen natürlich ganz oben. Wenn bei einem Bremssystem oder Lenksystem etwas nicht funktioniert, hat das große Konsequenzen für die gesamte Lieferkette. Für solche Bauteile entwickeln wir Schmierstoffe mit Lebensschmierstoffanforderungen: Sie werden einmal eingebracht und müssen so lange halten, wie das Fahrzeug fährt – im sibirischen Winter wie bei Wüstenhitze. Auch der Sitz selbst zählt in Teilen zu den sicherheitsrelevanten Bauteilen, weil er sich im falschen Moment nicht bewegen darf. Und dann gibt es überraschende Details: Die Kopfstütze sitzt sehr nah am Kopf – also soll der Schmierstoff geruchsneutral sein. Wir entwickeln sogar lebensmittelechte Schmierstoffe, damit ein Kind, das mit der Hand an die Nackenstütze fasst, keinerlei Risiko eingeht.

GRAMMER arbeitet seit Jahren mit FUCHS zusammen. Was hat die Partnerschaft so langlebig gemacht?

Ostertag: Auf jeden Fall die Qualitätsstandards und die Technologiekompetenz der Produkte. Dazu – und das ist vielleicht noch entscheidender – die globale Präsenz. FUCHS ist an jedem Standort von GRAMMER ebenfalls präsent. Mit eigener Produktion, eigenen Lagern und vor allem eigenen Anwendungstechnikern, die direkt zum Kunden kommen können. Das sind keine reinen Verkaufsbüros – das ist echte Nähe.

Paruchuri: Genau diese Nähe ist für uns im Alltag entscheidend. Wenn ein Problem im Werk auftaucht, greift der Kollege dort direkt zum Telefon und ruft den lokalen FUCHS-Ansprechpartner an – ohne Umwege. Und angesichts immer kürzer werdender Entwicklungszeiten brauchen wir einen Partner, der schnell reagiert und möglichst schon eine Lösung in der Schublade hat. 

35 individuelle Schmierpunkte können sich in einem Sitz befinden

Gibt es ein Beispiel für die Innovationskraft, die in der Zusammenarbeit steckt?

Ostertag: Schmierstoffe sind keine Hilfsmittel, sondern echte Bauteile in der Entwicklungsphase. Deshalb ist es so wichtig, sich frühzeitig zusammenzusetzen. Unsere Forschenden und Entwicklerinnen und Entwickler erarbeiten gemeinsam mit GRAMMER Fragenkataloge, entwickeln erste Kandidaten, testen sie auf unseren hausinternen Prüfständen – und die besten Kandidaten werden dann im Originalbauteil von GRAMMER weitergetestet. Das reduziert den Trial-and-Error-Aufwand erheblich.

Paruchuri: Vergangenes Jahr hatten wir den Fall, dass ein Schmiermittel einen Kunststoff angegriffen hat. FUCHS hat sehr schnell eine Alternative vorgeschlagen, und wir kamen zügig vorwärts. Ein anderes Beispiel sind die Gleitlacke, die FUCHS anbietet. Wir planen, sie künftig einzusetzen, weil wir großes Potenzial sehen – nicht nur funktional, sondern auch in Bezug auf Oberflächenqualität und Haptik. 

Welche Trends werden die Zusammenarbeit in den nächsten Jahren prägen?

Ostertag: Ganz oben auf der Agenda stehen PFAS-freie Schmierstoffe. Automobilhersteller weltweit wollen keine Produkte mit per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen. Das erzeugt enormen Druck – auf Tier-1-Zulieferer, aber auch auf Schmierstoffhersteller. FUCHS arbeitet schon seit Jahren an alternativen Formulierungen. Der zweite große Trend: umweltfreundlichere Schmierstoffe insgesamt, mit reduziertem CO₂-Fußabdruck. Wir können hier nicht nur über Rohmaterialien helfen, sondern auch über Effizienzsteigerungen beim Kunden – was GRAMMER hilft, den eigenen Footprint zu verkleinern.

Paruchuri: PFAS ist auch für uns ein zentrales Thema. Hinzu kommen neue Herausforderungen durch die ELV-Verordnung, also „End of Life Vehicle": Wir werden verpflichtet, Werkstoffe aus geschlossenen Kreisläufen einzusetzen – also Rezyklat-Anteile aus Altfahrzeugen. Das klingt simpel, ist aber komplex: Ein Polypropylen mit Rezyklat-Anteil verhält sich anders als ein Neumaterial. Außerdem: Die Innenraumlandschaft ändert sich permanent. Mit Elektrofahrzeugen kommen nicht nur leisere Kabinen hinzu, sondern auch neue akustische Phänomene. Ein Stichwort: „TIZ-Noise", ein hochfrequentes Geräusch, das von einem Elektromotor stammen kann und unter E-Auto-Nutzerinnen und -Nutzern schon diskutiert wird.

7 Verschiedene Materialien können in einer Kopfstütze miteinander in Berührung stehen.

Zum Schluss: Wenn Budget und Zeit keine Rolle spielten – welche Idee würden Sie sofort umsetzen?

Paruchuri: Für mich dreht sich alles um Reibung. Wenn wir den Wirkungsgrad eines Systems auch nur um ein Hundertstel steigern könnten, wäre das ein enormer Fortschritt für die Effizienz – und damit für viele Menschen.

Ostertag: Dem schließe ich mich an. Das wäre eine schöne gemeinsame Aufgabe: zusammenarbeiten, um genau darauf hinzuwirken.